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Europa, uns fehlt nicht das Wissen – uns fehlt das Kapital

Sebastian Büttner
June 2, 2026
5 min Lesezeit
Europa, uns fehlt nicht das Wissen – uns fehlt das Kapital

Als Gründer von Quantum Beyond erlebe ich jeden Tag eine Realität, die mich gleichermaßen begeistert und frustriert. Ich bin im ständigen Austausch mit kleinen, hochgradig innovativen Unternehmen. Das sind Teams, die nicht nur in Hochglanz-PowerPoint-Präsentationen von der Zukunft sprechen, sondern die tief im Maschinenraum stecken und die Zukunft tatsächlich bauen.

Wir sprechen hier von hervorragend ausgebildeten, extrem motivierten Menschen. Manche von ihnen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, andere sind bewusst nach Europa gekommen, weil sie genau hier etwas bewegen wollen. Es gibt an Talent, Kreativität und Willenskraft keinen Mangel. Doch egal wie brillant die Köpfe oder wie revolutionär die Ideen sind – sie alle stoßen ab einem gewissen Punkt an eine harte, gläserne Decke.

Die bittere Wahrheit ist: Die Rahmenbedingungen für First Mover und technologische Pioniere sind kaum irgendwo so schwierig und zermürbend wie in Europa – und insbesondere in Deutschland.

Wo wir glänzen und wo wir versagen

Wenn man sich die Innovationskette in Europa ansieht, wird schnell klar, dass wir nicht an einem Mangel an Wissen leiden. Im Gegenteil. Deutschland investiert jährlich rund 3 % seines Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung und gehört damit international zur Spitzengruppe. Unsere Universitäten, Forschungsinstitute und Entwicklungsabteilungen bringen kontinuierlich neue Erkenntnisse, Technologien und Patente hervor.

Es gibt auch Phasen, die hervorragend funktionieren:

  • Die Grundlagenforschung: Finanziert über Universitäten, Forschungsinstitute und industrielle Forschungsabteilungen entstehen wissenschaftliche Erkenntnisse auf Weltklasseniveau. Das theoretische Fundament ist massiv.
  • Der Funke der Gründung: Wenn kluge Köpfe mit tiefem Fachwissen eine bahnbrechende Idee entwickeln, schaffen sie häufig auch noch den mutigen Schritt in die Selbstständigkeit.

Doch genau dann, wenn aus wissenschaftlichen Erkenntnissen marktfähige Produkte entstehen sollen, schlägt die Realität zu. Es ist die Phase, die Investoren und Gründer oft als „Valley of Death“ bezeichnen: der gefährliche Abschnitt zwischen Forschungserfolg und wirtschaftlichem Durchbruch. Genau hier verliert Europa einen erheblichen Teil seines Innovationspotenzials.  Die Folge: Viele vielversprechende Technologien scheitern nicht an ihrer technischen Machbarkeit, sondern an fehlendem Kapital für die Weiterentwicklung, Pilotierung und Skalierung.

Förderprogramme aus der Vergangenheit

Ein massives Hindernis auf diesem Weg sind unsere staatlichen Förderstrukturen: Viele Förderprogramme wurden ursprünglich für etablierte Unternehmen entwickelt. Entsprechend orientieren sich ihre Antragsprozesse an langfristigen Planungen, definierten Meilensteinen, stabilen Organisationsstrukturen und vorhersehbaren Entwicklungsverläufen. Das mag für klassische Investitionsprojekte sinnvoll sein. Für Deep-Tech-Start-ups ist es jedoch oft die falsche Logik. In einem jungen Unternehmen, das an der technologischen Spitze arbeitet – etwa in Bereichen wie Quantentechnologie, Künstlicher Intelligenz, Robotik oder neuen Materialien – besteht die eigentliche Herausforderung gerade darin, dass viele Antworten noch nicht bekannt sind. 

Die ersten Jahre sind geprägt von Experimenten, Irrtümern, Kurskorrekturen und technischen Durchbrüchen. Nicht selten dauert es sieben bis fünfzehn Jahre, bis aus einer technologischen Innovation ein profitables Unternehmen entsteht. Dennoch verlangen viele Förderprogramme bereits in frühen Phasen detaillierte Projektpläne, starre Meilensteine und organisatorische Strukturen, die häufig erst nach erfolgreicher Produktentwicklung entstehen können. Wir brauchen in diesen Phasen vor allem eines: Kapital für Experimente, Prototypen und Pivot-Phasen. Nicht zusätzliche Bürokratie, die Unsicherheit mit mangelnder Planung verwechselt.

Zögern statt Machen: Die Rolle der großen Corporates

Erschwerend kommt hinzu, dass auch viele etablierte Unternehmen nur begrenzt als Innovationspartner auftreten. Natürlich investieren europäische Großunternehmen erhebliche Summen in Forschung und Entwicklung. Allerdings konzentrieren sich diese Investitionen häufig auf die Weiterentwicklung bestehender Produkte und Geschäftsmodelle. Deutlich seltener entstehen mutige Partnerschaften mit jungen Technologieunternehmen, deren Lösungen noch nicht vollständig ausgereift sind.

In vielen Bereichen herrscht eine Kultur des Abwartens. Man beobachtet lieber, wie Technologien anderswo reifen. Erst wenn aus einer Innovation ein etablierter Marktstandard geworden ist, erfolgt die Einführung – oftmals in Form von Software-as-a-Service-Lösungen oder fertigen Produkten aus den USA.

Aus Sicht des einzelnen Unternehmens mag diese Strategie rational erscheinen. Für Europa als Wirtschaftsstandort ist sie jedoch problematisch. Denn wer Innovationen erst übernimmt, nachdem andere das Risiko getragen haben, wird selten zum Technologieführer.

Wir finanzieren die Forschung – andere ernten die Skalierung

Europa produziert hervorragende Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer. Viele der Technologien, die heute die Welt verändern, haben ihre Wurzeln in europäischen Laboren, Universitäten und Forschungszentren. Was häufig fehlt, ist die Fähigkeit, diese Erkenntnisse in global erfolgreiche Unternehmen zu überführen. 

Besonders sichtbar wird das beim Venture Capital. Während in den USA jährlich deutlich über 150 Milliarden US-Dollar Venture Capital investiert werden, bewegt sich Europa je nach Jahr häufig nur im Bereich von 40 bis 60 Milliarden US-Dollar. Die Folge ist eine strukturelle Finanzierungslücke. 

Viele europäische Technologieunternehmen schaffen es zwar, innovative Produkte zu entwickeln. Ihnen fehlt jedoch häufig das Kapital, um schnell genug zu wachsen, internationale Märkte zu erschließen und globale Marktführer zu werden. Das Ergebnis kennen wir alle: Europa finanziert die Forschung, während die wirtschaftliche Wertschöpfung oft anderswo stattfindet.

Wir brauchen eine neue Kultur

Wir können es uns nicht länger leisten, unsere besten technologischen Pionierleistungen in der Frühphase verhungern zu lassen. Europa und Deutschland brauchen dringend mehr Geld im Markt für Investitionen. Das bedeutet jedoch nicht einfach nur mehr Subventionen nach altem Muster. Wir brauchen einen fundamentalen Paradigmenwechsel:

  • Eine Förderkultur, die Risiko belohnt und Agilität versteht, anstatt sie durch bürokratische Auflagen im Keim zu ersticken.
  • Einen deutlich stärkeren Venture-Capital-Markt, der Deep-Tech- und Hardware-Innovationen nicht als „zu komplex“, sondern als Grundlage unserer zukünftigen Wirtschaftskraft begreift.
  • Mutige etablierte Unternehmen, die als frühe Entwicklungspartner, Pilotkunden und Investoren auftreten.
  • Politische Rahmenbedingungen, die Wachstum und Skalierung genauso ernst nehmen wie Forschung und Entwicklung.

Die Köpfe, die Ideen und die Motivation sind da. Es wird Zeit, dass wir ihnen endlich das Kapital und die Rahmenbedingungen geben, um aus europäischer Forschung globale Marktführer zu machen!

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Sebastian Büttner
Gründer, QuantumBeyond