
Innovation wird häufig als Produkt einzelner Genies oder unternehmerischer Initiative beschrieben. Diese Perspektive ist attraktiv – aber unvollständig. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die großen Innovationssprünge entstehen selten isoliert. Sie sind eingebettet in Systeme, in denen politische Strukturen, wirtschaftliche Dynamiken und gesellschaftliche Prioritäten ineinandergreifen.
Ob Infrastruktur, Militär, Energie oder Technologie – Fortschritt entsteht dort, wo ein Zusammenspiel aus Problem, Ressourcen und Nachfrage entsteht. Und genau an dieser Schnittstelle tritt der Staat als entscheidender Akteur auf. Nicht als Erfinder im engeren Sinne. Aber als Ermöglicher, Beschleuniger und Marktgestalter.
Wendet man den Blick in die Antike, so ist das Römische Reich das ultimative Paradebeispiel für Innovation durch staatliche Nachfrage – eine frühe, aber äußerst wirkungsvolle Form der Procurement-Politik. Roms Ingenieurskunst und logistische Überlegenheit waren kein Produkt des Zufalls oder eines freien Marktes, sondern das direkte Resultat konkreter staatlicher Bedürfnisse: Kontrolle, Versorgung und militärische Expansion.
Roms Vermächtnis zeigt: Innovation kann dort entstehen, wo der Staat nicht nur Regeln aufstellt, sondern als mutiger Großnachfrager auftritt, der durch garantierte Abnahme und klare Spezifikationen technologische Durchbrüche erzwingt.
Das industrielle Zeitalter, einige Jahrhunderte später. ließ die Rolle des Staates keineswegs verschwinden; sie verschob sich lediglich grundlegend.
In Großbritannien, dem Mutterland der Industrialisierung, entstanden bahnbrechende Innovationen wie die Dampfmaschine zwar weitgehend marktgetrieben. Doch auch hier wirkte der Staat flankierend und schuf die notwendigen Grundlagen für die Skalierung. Dies geschah einerseits durch ein stabiles Patentsystem, das unternehmerisches Risiko absicherte, und andererseits durch massive staatliche Investitionen in die physische Infrastruktur – wie den Ausbau von Kanälen und später die Regulierung und Förderung des Eisenbahnnetzes – sowie die Sicherung globaler Handelsrouten durch die Royal Navy.
Ein gänzlich anderes, koordinierteres Modell entwickelte sich im Deutschland, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts als klarer „Nachzügler“ im Wettlauf um die industrielle Vorherrschaft agierte. Um den enormen Rückstand auf Großbritannien aufzuholen, wurde der Staat hier zum strategischen Beschleuniger.
Ab den 1820er-Jahren erlebte Deutschland einen bildungspolitischen Boom, bei dem der Staat die bisher kirchliche Hoheit über die Bildung übernahm. Es entstand eine handlungsfähige Bildungsverwaltung, die Lehrkräfte professionell ausbildete und variable Lerninhalte durch verbindliche Lehrpläne ersetzte. Aus einem vormaligen „Wirrwarr“ unverbundener Schulen und Universitäten entwickelte sich bis zum Ende des Jahrhunderts ein zusammenhängendes System, das Fach- und Gewerbeschulen – die Keimzellen technischer Innovation – fest integrierte.
Auf diese Weise lieferte der Staat durch professionelle Ausbildung und systematische Lehrpläne jenes Humankapital, das forschungsintensive Industrien wie die Chemie (Bayer 1863, BASF 1865) und die Elektrotechnik (Siemens, AEG) für ihren globalen Aufstieg benötigten. Innovation blieb eine Marktaktivität, wurde jedoch durch den staatlich geschaffenen institutionellen Rahmen erst skalierbar gemacht.
Kaum ein Innovationsökosystem wird so oft missverstanden wie das der Vereinigten Staaten. In der öffentlichen Wahrnehmung, insbesondere in Europa, gilt das Silicon Valley oft als der ultimative Triumph des unregulierten, freien Marktes, in dem einsame Genies in Garagen die Welt verändern. Doch diese Erzählung klammert den wichtigsten Akteur aus: den amerikanischen Staat.
Nahezu jede technologische Basisrevolution der letzten Jahrzehnte – sei es das Internet, das GPS-System, die Spracherkennung (Siri), Touchscreens oder die Grundlagen der modernen Raumfahrt – geht auf massive staatliche Initiativen zurück. Institutionen wie die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) agieren hierbei als eine Art staatlicher Risikokapitalgeber. Mit einem jährlichen Budget von rund 3 bis 4 Milliarden US-Dollar investiert die DARPA gezielt in Hochrisiko-Technologien und Grundlagenforschung, lange bevor ein privater Business Case oder ein Geschäftsmodell auch nur ansatzweise erkennbar ist.
Doch die USA belassen es nicht bei der Forschungsförderung. Ihr eigentlicher und oft übersehener Innovationshebel ist das staatliche Procurement (die öffentliche Beschaffung). Der amerikanische Staat – allen voran das Verteidigungsministerium – agiert als garantierter Erstkäufer (First Buyer). Als beispielsweise die ersten Mikrochips entwickelt wurden, waren sie für den zivilen Markt viel zu teuer. Es war das US-Militär, das durch garantierte Großaufträge für Raketensteuerungssysteme die Produktion skalierte und die Stückkosten so weit senkte, dass ein ziviler Markt überhaupt erst entstehen konnte.
Dieses Prinzip der garantierten Nachfrage zur Risikominimierung funktioniert bis heute: Bei der „Operation Warp Speed“ mobilisierte die US-Regierung rund 18 Milliarden US-Dollar. Dabei wurde nicht nur die Forschung an mRNA-Impfstoffen subventioniert, sondern der Staat garantierte vorab die Abnahme von Hunderten Millionen Dosen – ein gigantisches Procurement-Programm, das den Unternehmen das finanzielle Risiko der Skalierung komplett abnahm.
Kurzum: Der Staat agiert in den USA virtuos als Risikoträger der ersten Stunde, als technologischer Katalysator und – entscheidend – als strategischer Großnachfrager.
Während der amerikanische Staat seine Rolle oft hinter privaten Unternehmen verbirgt, agiert China offen, kompromisslos und hochgradig orchestriert als zentraler Architekt seines Innovationssystems. Die Epoche, in der das Land lediglich als die verlängerte Werkbank des Westens fungierte, ist historisch abgeschlossen. Mit Masterplänen wie „Made in China 2025“ und den traditionellen Fünfjahresplänen definiert die politische Führung klare technologische Schlüsselindustrien – von der Elektromobilität über Künstliche Intelligenz bis hin zur Halbleiter- und Solartechnologie. Die chinesische Strategie ist dabei ein eng verzahnter Dreiklang aus langfristiger Planung, massiven Subventionen und einer strategischen, staatlich gelenkten Nachfrage.
Nirgendwo zeigt sich dieses Muster eindrucksvoller als beim Aufstieg Chinas zur globalen Leitmarkt für Elektromobilität. Der chinesische Staat begnügte sich in den 2010er Jahren nicht damit, lediglich die Forschung an Batteriezellen zu fördern. Er schuf den Markt kurzerhand selbst. Metropolen wie Shenzhen wurden politisch angewiesen, ihre gesamte Flotte von über 16.000 Linienbussen und zehntausenden Taxis auf Elektroantriebe umzustellen. Dieses gigantische, staatlich verordnete Procurement garantierte heimischen Herstellern wie BYD über Nacht eine massive, risikofreie Absatzmenge. Der Staat kaufte nicht nur Fahrzeuge, er finanzierte und baute parallel die Ladeinfrastruktur im ganzen Land aus, um das Henne-Ei-Problem der Elektromobilität per Dekret zu lösen.
Gepolstert wird diese Procurement-Strategie durch einen rigorosen Protektionismus, der gezielt sogenannte „National Champions“ heranzüchtet. Der riesige chinesische Heimatmarkt wird durch Regulierungen zunächst faktisch für ausländische Konkurrenten abgeschottet oder mit harten Auflagen versehen, um der heimischen Industrie den Raum zum Wachsen zu geben. Ein Paradebeispiel ist der Aufstieg des heute weltgrößten Batterieherstellers CATL: Um auf dem chinesischen Markt staatliche Förderungen für E-Autos zu erhalten, wurden ausländische und inländische Autobauer durch eine restriktive „Whitelist“ jahrelang faktisch gezwungen, Batterien von chinesischen Herstellern zu verbauen.
Durch diesen politisch geschützten Raum und die gigantische garantierte Binnennachfrage erlangten Unternehmen wie CATL oder BYD in kürzester Zeit beispiellose Skaleneffekte. Die Innovationsleistung bestand hier in der rasanten Perfektionierung der Massenproduktion. Sobald diese National Champions auf dem Heimatmarkt unschlagbare Kostenvorteile und technologische Reife erzielt haben, entlässt der Staat sie auf den Weltmarkt – eine aggressive Export-Dynamik, die westliche Unternehmen erst in der Solarindustrie und aktuell in der Automobilbranche schmerzhaft zu spüren bekommen.
Kurzum: Der Staat tritt in China als allumfassender Systemarchitekt, radikaler Marktgestalter und protektionistischer Großabnehmer auf.
Europa wählt historisch bedingt einen kooperativeren, aber auch deutlich fragmentierteren Ansatz. An Ressourcen mangelt es dabei nicht: Mit Programmen wie „Horizon Europe“ stellt die Europäische Union gewaltige Summen für Forschung und Innovation bereit. Historische Erfolge wie die Gründung und der Aufstieg von Airbus beweisen zudem eindrucksvoll, wozu koordinierte staatliche Initiativen in Europa in der Lage sind, wenn sie mit dem politischen Willen zur Skalierung einhergehen.
Gleichzeitig leidet das europäische Modell heute unter tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Der europäische Binnenmarkt ist in der Praxis oft noch immer in 27 nationale Märkte und Regulierungsräume zersplittert. Das führt zu einer chronisch langsamen Umsetzung von Innovationen. Das größte europäische Problem ist jedoch das Skalierungsdefizit: Europäische Start-ups und Innovatoren erhalten zwar oft exzellente staatliche Fördergelder für die Forschung, finden dann aber – im Gegensatz zu den USA – keinen Staat vor, der als mutiger Erstkäufer (Procurement) auftritt und ihre Produkte im großen Stil abnimmt.
Kurzum: Der Staat ist in Europa zwar ein hochaktiver Forschungsförderer – agiert in der Marktskalierung jedoch oft zu zaghaft und bürokratisch, um wirksam genug zu sein.
Jede nachhaltige Innovationsdynamik beginnt mit ökonomischer und gesellschaftlicher Stabilität. Der Staat muss die fundamentalen Spielregeln und die Infrastruktur bereitstellen: verlässliche Institutionen, den Schutz von Eigentumsrechten, eine exzellente physische und digitale Infrastruktur sowie den Zugang zu Bildung und Talenten. Nur in funktionierenden, wettbewerblichen Märkten, deren Eintrittsbarrieren niedrig sind, können sich neue Ideen entfalten.
Der Blick auf Europa: In dieser Rolle zeigt Europa ein zutiefst paradoxes Bild. Einerseits bietet der europäische Kontinent ein hervorragendes Fundament: Ein dichtes Netz an Weltklasse-Universitäten, exzellente duale Ausbildungssysteme und ein beispielloser Pool an Forschungstalenten. Auch die Idee des europäischen Binnenmarktes ist theoretisch ein brillanter Rahmen. Doch in der Praxis scheitert die EU oft daran, diesen Rahmen für Innovatoren verlässlich und einfach zu gestalten. Für ein aufstrebendes Tech-Start-up ist Europa eben oft kein einheitlicher Markt, sondern ein Flickenteppich aus 27 verschiedenen Steuer-, Gesellschafts- und Arbeitsrechten. Gleichzeitig wird der Rahmen zunehmend durch Überregulierung erdrückt. Verordnungen wie die DSGVO oder der neue AI Act setzen zwar weltweit bewunderte Standards für Sicherheit und Ethik, erweisen sich für junge, agile Unternehmen in der Praxis jedoch oft als massive bürokratische Innovationsbremse. Der europäische Staat baut einen sicheren Rahmen, zimmert ihn aber oft so eng, dass die Akteure darin kaum noch atmen können.
Kurzum: Der Rahmen ist die notwendige Voraussetzung, aber selten der Auslöser. Ein zu enger Rahmen verhindert Innovation, noch bevor sie entsteht.
Der Staat muss genau dort eingreifen, wo der sogenannte freie Markt an seine Grenzen stößt. Das ist klassischerweise bei echten Sprunginnovationen der Fall. Wenn die Entwicklung einer neuen Batteriezellengeneration, eines Quantencomputers oder eines Fusionsreaktors Milliarden verschlingt und der Zeithorizont bis zur Marktreife bei zehn bis fünfzehn Jahren liegt, greift privates Risikokapital nicht. Hier muss der Staat als Katalysator auftreten: durch gezielte Investitionen in die Grundlagenforschung, die Bündelung von Ressourcen für langfristige „Missionen“ und die Bereitstellung von geduldigem Kapital (Patient Capital), das nicht den schnellen Return on Investment sucht.
Der Blick auf Europa: Als Katalysator von Grundlagenforschung ist Europa Weltklasse. Mit dem Programm Horizon Europe verfügt die EU über das größte transnationale Forschungsförderprogramm der Welt. Institutionen wie das CERN in der Schweiz oder die Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaften in Deutschland sind globale Leuchttürme. Die eklatante Schwäche Europas zeigt sich jedoch beim Übergang aus dem Labor in die Wirtschaft – dem berüchtigten "Valley of Death". Europa schafft es zu selten, Forschungskatalysatoren in unternehmerische Skalierung zu übersetzen.
Ein aktuelles Beispiel für den Versuch der Heilung ist die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) in Deutschland. Sie 2019 wurde nach dem Vorbild der US-amerikanischen DARPA gegründet, um visionäre Technologien zu finanzieren. Doch selbst dieser staatliche Katalysator wurde in seinen ersten Jahren durch das strenge deutsche Haushalts- und Vergaberecht extrem in seiner Agilität und Wirksamkeit gebremst. Der Staat will Katalysator sein, traut sich das Risiko aber rechtlich oft nicht zu.
Die am häufigsten unterschätzte, aber wirkmächtigste Rolle ist die des strategischen Nachfragers (innovationsorientiertes Beschaffungswesen / Procurement). Neue, bahnbrechende Technologien haben zu Beginn einen entscheidenden Nachteil: Sie sind extrem teuer und noch nicht massentauglich. Damit Innovationen überleben, benötigen sie reale Anwendungen unter Volllast, verlässliche Ankaufgarantien und sofortige Skalierungsmöglichkeiten, um die Stückkosten drastisch zu senken. Der Staat muss den Mut haben, der erste Kunde (First Buyer) für unausgereifte, aber vielversprechende Lösungen zu sein.
Der Blick auf Europa: Hier liegt das absolut größte Versagen der europäischen Innovationspolitik. Die öffentliche Beschaffung macht rund 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU aus – das sind etwa 2 Billionen Euro pro Jahr. Das ist ein gigantischer Hebel. Doch dieser Hebel wird so gut wie nie für Innovationen genutzt.
Das europäische und insbesondere das deutsche Vergaberecht ist extrem risikoavers. Bei öffentlichen Ausschreibungen – ob für Software in Behörden, neue Mobilitätskonzepte oder Verteidigungstechnologie – gewinnt in der Regel das wirtschaftlichste, sprich: das billigste und bewährteste Angebot. Ein junges europäisches KI-Start-up hat fast keine Chance, einen staatlichen Großauftrag zu gewinnen, weil ihm die Referenzen aus den letzten zehn Jahren fehlen. Anstatt wie die USA (SpaceX) oder China (BYD) als mutiger Erstkäufer aufzutreten und europäischen Innovatoren Milliardenmärkte vor der eigenen Haustür zu garantieren, wartet der europäische Staat ab, bis eine Technologie in den USA oder Asien skaliert wurde – und kauft sie dann als fertiges Standardprodukt dort ein.
Kurzum: Ohne Nachfrage bleibt Innovation Theorie. Mit Nachfrage wird sie industrielle Realität. Der Staat muss bereit sein, zum Skalierungsbeschleuniger und ersten Kunden zu werden.
Der Staat kann technologischen Fortschritt weder verordnen noch am Reißbrett erfinden. Doch ohne ihn bleibt jede noch so brillante Idee in der Nische stecken. Erfolgreiche Volkswirtschaften kultivieren ein Ökosystem, das Durchbrüche geradezu unvermeidlich macht.
In einer Ära, in der Technologie zunehmend als geopolitische Waffe eingesetzt wird, muss sich Europa wieder stärker auf das bewährte staatliche Playbook für Innovation besinnen. Das bedeutet konkret: Den bürokratischen Rahmen radikal verschlanken, finanzielle Risiken bei Schlüsseltechnologien mutiger abfedern und die immense öffentliche Kaufkraft gezielt als Skalierungshebel nutzen.
Konkret gesagt: Wir benötigen Schulen, die funktionieren, und eine physische wie digitale Infrastruktur, die verlässlich ist. Wir brauchen strategische staatliche Investitionen in High-Tech wie Robotik, Künstliche Intelligenz und weitere Sprunginnovationen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Sowie – und das ist der entscheidende Hebel – einen Staat, der seine gigantischen Beschaffungsbudgets nutzt, um genau diese europäischen Technologien als mutiger erster Kunde in die Skalierung zu kaufen, statt auf fertige Standardprodukte aus Übersee zu warten.